Maria, Teil zwei.

IsI am 29. Juli 2010 um 10:48

Stille.
Shut up.
Schnauze.

Maria hat mich heim geschickt. Sie mag keine Menschen, hat sie gesagt. Sie ertrage sie nicht länger als ein paar Stunden. Hier sei die Grenze.
Geh.

Ich sitze auf der Landstraße, der Vorderreifen meines Fahrrads ist platt. Es wird dunkel, ich zittere. Noch fünfzehn Kilometer, klein Schloss, keine Füße, die mich drei Stunden durch die Nacht tragen werden.

Ich krame in meiner Tasche, habe das Handy vergessen. Nur ein Notizbuch liegt in der Tasche. Ich fluche und schreibe Scheiße in das Heft. Der Soundtrack meines Scheiterns wird lauter. Ich lache. Gegenüber hält ein schwarzer Mercedes,
altes Modell, so ist das Dorf, sagte ein Stadtmädchen, als sie einen Latte Matschiato bestellte. Vielleicht haben wir mehr Zeit, dachte ich, mehr Zeit, um die Sprachen der Länder zu lernen, in denen wir nie waren
- und nie sein werden. Ich hoffe, dass sich die Dinge richten. Aus dem Mercedes steigt ein junger Türke und fragt auf Englisch, ob er helfen könne.
Klar. Nimm mein Fahrrad, leg es in deinen Kofferraum.
Sorry, da liegt meine Großmutter.
Nimm mich mit nach Kleinstadt.
Willst du mich verarschen?
Dann nicht.

Er steigt zurück auf den Fahrersitz. Ruft etwas in sein Auto, das ich nicht verstehe, schaltet die Scheinwerfer ein und blendet mich. Spinner!
Das Fahrzeug rollt los, ich bleibe stehen, er reißt das Lenkrad, der Wagen schlenkert, wir bleiben unverletzt. Die Lichter verschwinden.

Maria, warum hast du mir kein Lager in deinem Haus geboten?
Ich gehe ein Stück weiter.

Das Fahrrad wird schwerer, mit jedem Kilometer ein Kilogramm. Es dürften drei Kilometer gewesen sein, da beginnt der Wald. Ich lege das Rad in den Straßengraben und bedecke es mit Zweigen. Dann gehe ich tiefer in den Wald, bis zum Rand einer Lichtung, dort breite ich meine Jacke aus, beginne zu frieren und schlafe ein.

Am Morgen sitzen zwei Fliegen und eine Hummel auf meinem Gesicht. Die Sonne taucht hinter den Baumgipfeln auf, ein kurzer Gruß, ehe sie zu brennen beginnen wird. Ich richte mich auf, lege mir die Jacke über die Schultern und gehe zurück zu dem Ort, wo ich mein Fahrrad allein ließ. Nichts. Die Zweige sind zu einem Kreuz gelegt, daneben ein Zettel. Thanks, man.

Ich gehe los auf der falschen Straßenseite. Die ersten Fahrer überholen mich, bringen ihre Freunde an den Badesee. Noch elf Kilometer. Der Milchbauer aus Marias Dorf kommt mir entgegen. Ich schüttle den Kopf, als könnte ich damit in die Welt zurückfinden. Schüttle, und schüttle, mich überkommt ein Schauer. Der Mann hält neben mir. Ob ich von Maria käme. Die Alte sei merkwürdig geworden, nicht wahr? Sie lade Gäste ein, schicke sie fort, und mache sich einen Spaß daraus. Ob ich die Geschichte gehört habe von den Pilzen im letzten Jahr. Ich nicke. Ob er mir helfen können. Mit Verlaub, ich sehe doch etwas verloren aus. Ich nicke, das Kopfschütteln hat mich debil wirken lassen. Er schaut mitleidig.

Können Sie mich nach Kleinstadt fahren?
Klar. In drei Stunden, ich muss nur rasch nach Hause. Warten Sie hier?
Klar, in drei Stunden. Haben Sie zufällig etwas zu essen für mich?

Er gibt mir einen Apfel, einen fünf-Euro-Schein und deutet auf den Kiosk, vielleicht fünfhundert Meter entfernt. Die haben auch Frühstück. Dann fährt er.
Ich gehe langsam zum Kiosk. Fünf fünfzig, Luxusfrühstück. Ob es auch eine Sparvariante gebe, frage ich. Der Frau im Kiosk schaut mich mitleidig an. Zwei Euro, eine Tasse Kaffee?
Zwei fünfzig, ein halbes Brötchen dazu?
Bitte sehr. Ich mache eine Ausnahme, Sie scheinen es nötig zu haben. Sie prüft meinen Geldschein.
Er sieht ein bisschen aus wie selbst gezeichnet, finden Sie nicht? Sie versteht meinen Scherz nicht, zieht die Stirn in Falten.
Der Kaffee ist lauwarm, das Brötchen alt und trocken, ich danke ihr und gehe zurück zum Treffpunkt mit dem Bauern. Im Plastikbecher fange ich Fliegen, ich zähle den Takt ihrer Zusammenstöße mit ihrem Gefängnis, sechs Achtel, ein bisschen unsauber. Die Sonne steigt auf, der Bauer kommt.

Haben Sie gewartet? Wie war das Frühstück?
Danke. Köstlich, ich war lange nicht mehr so satt.
Schön, wenn man nicht fürchten muss, vergiftet zu werden. Besuchen Sie Maria oft?
Von Zeit zu Zeit.
Das dachte ich mir.

Ich steige ein, neben einem verdreckten Futtereinmer und einigen Stricken setze ich mich auf die Weste des Bauern. Er schaut an mir vorbei. Zehn Minuten später steige ich wieder aus, in der Innenstadt, das in unverfänglich, und bedanke mich.
Ich habe kein Zuhause, und jetzt nicht einmal mehr ein Fahrrad. Ich brauche einen Hund, denke ich. Dann kaufe ich ihm ein Geschirr und binde ihn an das Fahrrad.

Hey, man?
Meine Exfreundin.
Ehemalige beste Freundin.

Wie geht es dir?
Bescheiden, man braucht nicht viel. Der Himmel zieht sich zu, ich überlege, wo ich heute unterkommen werde. Sie lädt mich ein zum Frühstück. Altruismus ist wichtig, weißt du, sagt sie.

Ich schüttle den Kopf. Zwei fünfzig gegen mein Fahrrad. Hast du ein Fahrrad über? Nee, aber ne Drahtschere. Das ist nicht besser als der Arsch, der meins geklaut hat.
Du hast es angeboten!
Weil ich es im Straßengraben versteht habe?
Erinnerst du dich an die Geschichte mit dem Kamel und dem Nadelöhr?
Ich hasse deinen Geschichten.
Siehst du, du hast es angeboten, du musst lernen, in den Dingen mehr zu sehen.

Es regnet. Ich weiß nicht, wann ich zum letzten Mal irgendwo zuhause war. Lenas Frühstückstisch sieht wunderbar aus, er reißt mich aus den Grübeleien und ich fresse ihr die Haare vom Kopf.
Manchmal ergibt sich das.
Sie nickt.
Ist okay.

Für zwei fünfzig bekomme ich Bier für mich und Maria, denke ich. Vielleicht besser zwei für sie, dann lässt sich mich bei sich übernachten, hoffe ich.
Lena fragt, ob sie etwas für mich tun könne.

Fährst du heute nach Moritzdorf?
Du willst zu deiner Maria?
Fährst du?
Heute Abend, mein Freund wohnt dort, antwortet sie.
Nimmst du mich mit?

Wenn Maria stirbt, erbe ich ihr Haus. Das hat sie mir gesagt, als sie besoffen war. Oder ich, das weiß ich nicht mehr. Vielleicht hat sie es auch nicht gesagt. Bis heute Abend ist noch lange hin. Lena muss zur Arbeit.
Ob es mir etwas ausmachen würde, ihre Wohnung zu verlassen. Sie habe doch allerlei hier, was sie nicht allein mit mir lassen wolle. Aber sie kenne mich doch, antworte ich.
Eben.

Gegen Mittag stelle ich mir vor, ich hätte eine Geige, um Straßenmusik zu machen. Eine Stunde später stelle ich mir vor, ich könnte Geige spielen. Ab zwei Uhr Mittag spiele ich Luftgeige und pfeife Mozart. Dasselbe Lied in Dauerschleife. Eine halbe Stunde später liegt das Geld für eine Flasche Wodka in meinem Hut. Maria wird sich freuen. Eine Stunde später steht ein dampfender Becher Kaffee vor mir.

Bitte hör auf, sagt Lena, als sie von der Arbeit kommt und mich hört. Sie hat mir nie erzählt, was sie arbeitet, und langsam macht es keinen Unterschied mehr. Sie geht nach Hause und bringt mir ihre alte Gitarre, kannst du haben, sagt sie. Ich spiele Mozart. Immer dasselbe Lied.
Die Leute geben dafür schlechter Geld als für meine Luftgeige. In einer Stunde hole ich dich hier ab, sagt Lena. Ich spiele Hotel California. Auf einmal gibt es Geld, dann kommt die Bäckersfrau. Ne halbe Stunde, nicht länger. Geh weg.

Ich stehe auf, gehe zum Springbrunnen in der Innenstadt. Ich rieche nach Schweiß, das merke ich, deshalb steige ich in den Brunnen. Leichter künstlicher Nieselregen, ich bin allein. Die Gitarre steht in einem Treppenaufgang, da stand sie. Als ich tropfnass zurück gehen will, ist die Gitarre weg. Warum immer ich, denke ich.

Lena steht vor der Bäckerei, hält eine Streuselschnecke in der Hand. Schnell schluckt sie den letzten Bissen, als sie mich sieht.
Komm, Maria wird sich freuen, sagt sie als rede sie zu einem kleinen Kind.
Ach, Maria.

Eine halbe Stunde später, erzählt mir Maria, dass ein Junge im Dorf gestorben sei. Der Bauer habe ihn nicht gesehen, und mit dem Trecker dem Erdboden gleich gemacht.
Da, denke ich, geht es mir gut. Immerhin verliere ich nur die Dinge und nicht mein Leben. Maria nickt, als ich das sage.
Wir stoßen an, dreiundzwanzig Uhr schickt sie mich nach Hause. Ich umarme sie, wir beide riechen nach Bier und Wodka. Ihr Atem ekelt mich an. Ich lache gekünstelt.
Im Stall ist es warm. Maria würde mich nicht bemerken, glaube ich. Ihr Hund bellt kurz, als ich mich über den Garten in das halb verfallene Gebäude schleiche. Hinter Marias Fenster zeichnet sich ihr Schatten auf der Gardine ab.
Es wurde Zeit, denkt sie.
Ich schlafe ein.

Maria. Eine Begegnung im Dorf.

IsI am 28. Juli 2010 um 1:41

Maria nippt an ihrem warmen Bier.
Du kommst selten, sagte sie.
Ich warte, aber du rufst nicht an, du klopfst nicht an,
du stehst irgendwann vor meiner Tür. Und du weißt, dass ich dich nicht stehen lasse. Und dann bringst du warmes Bier mit.

Ich wiege den Kopf. Zwanzig Kilometer liegen zwischen unseren Städten. Ich bin mit dem Fahrrad gefahren. Das Bier ist …

Es zischt, der Schaum läuft durch die kleine Öffnung am Bierdeckel, läuft über Marias Hände und tropft auf ihren Rock.

Du denkst nicht mit, oder? Du glaubst, dass sich die Welt nur um dich drehe?

Maria hat angefangen zu malen. Sie malt bunte Blumen auf rote Wände, erzählt vom Kreislauf des Lebens, das ich, der alte Misanthrop, nicht verstehen könne.

Sie hat recht, ich verstehe Maria nicht. Das weiß sie und lädt mich trotzdem zu sich ein. Ich bin gern dort. Ihr Garten ist schön und ihre rotgetiegerte Katze, die mir um die Beine streicht. Ich erinnere mich nicht mehr,
wann Maria aufgehört hat, zu arbeiten. Seitdem bleibt sie in ihrem Dorf, bei ihrer Katze. Die Nachbarn besorgen ihre Einkäufe in der Stadt. Manchmal geht Maria in den Wald, ihren Rundweg. Jeder im Dorf kennt ihren Rundweg.

Dann bringt sie Pilze mit, aber seit Maria allein auf dem Dorf wohnt, wird sie vergesslicher. Im letzten Sommer hat sie Fliegenpilze gesammelt, gebraten und ein großes Essen veranstaltet. Ein Nachbar lag eine Woche im Krankenhaus.
Dabei isst Maria selbst nie Pilze. Aber seitdem essen auch die Nachbarn nicht mehr bei Maria.

Einmal im Monat kommt ihr Enkel. Sie gibt ihm ihre Briefe, er sagt, Maria, du musst hier weg, du musst in die Stadt, wo wir uns besser um dich kümmern können.

Dann spuckt ihm Maria ins Gesicht, ich gehe hier nicht weg, antwortet sie. Dann schweigt er und fährt heim.

Ich mag Maria. Sie muss eine wunderschöne Frau gewesen sein, denke ich und hole mein Bier aus dem Fahrradkorb. Maria, frage ich, bist du schön gewesen, hast du getanzt, als du jung warst?

Maria sitzt auf ihrem Balkon, ihre Katze blickt einem Vogel nach. Sie ist zu fett und zu faul, um sich ernsthaft zu bemühen. Maria schaut sie an, wir alle werden älter, sagt sie. Warum bist du hier?

Eine Schwalbe nistet über Marias Dachfenster, den Kot wischt ihr Enkel weg, wenn Maria ihn noch nicht bespukt hat. Ich wiege den Kopf. Die Sonne geht unter, ich habe nichts geschafft, heute nicht, in der letzten Woche nicht.
Maria, ich muss mich ausruhen, sage ich. Ich finde die einfachsten Worte nicht mehr, sie nicht, wir nicht. Ich will nicht lügen, mir entfällt nur die Wahrheit. Der Himmel sieht schön aus, heute. Vielleicht bist du hier, weil mein Himmel
anders ist, als der der anderen, sagt Maria. Die Flecken auf ihrem Rock beginnen zu trocknen. Maria fragt mich, ob ich Pilze möge. Ich verneine.
Du lügst.
Und du vergiftest deine Gäste.
Das haben sie verdient. Maria! Kennst du den alten, der im letzten Jahr im Krankenhaus war? Der hat seinen Betrieb krachen gehen lassen, hat die Leute um ihr letztes bisschen Anstand gebracht und lebt jetzt auf deine Kosten!
Meine Kosten? Maria, ich verdiene nichts.
Eben, sagt sie. Du verdienst nichts, weil er es dir wegnimmt.
Die Welt ist schlecht, sage ich und hoffe, dass sie meine Ironie versteht.
Maria geht darüber hinweg. Weißt du, du nimmst mich genau so wenig ernst wie die anderen hier, dann trinkt sie den letzten Schluck und stellt die leere Flasche vor sich auf den Tisch. Ein Holztisch, zerkratzt, vom Schwalbenkot geschwärzt. Ich gebe ihr mein Bier. Sie nickt kurz. Warum machst du das? Warum verdienst du nicht einfach dein Geld wie alle anderen?
Ich stecke die Hände in die Hosentaschen. Das geht dich nichts an, will ich sagen, aber es geht sie etwas an, mehr als die anderen. Es war nicht besser, als es anders war, sage ich.
Ich hatte fette Schecks und keine Hoffnung. Ich verschenkte meine Zeit und bekam Ablassbriefe dafür.
So ist das Leben.
Ungerecht.

Maria, darf ich mir von deinem Obst etwas nehmen?
Friss die Schokolade, Jungchen.
Maria, hör auf!

Sonntagabend, die Sonne ist untergegangen. Maria drückt mir die Hand zum Abschied und lässt sie lange nicht mehr los. Wenn du nur öfter kommen würdest …

Ihre Katze liegt im Korb und fixiert mich. Sie ist dünner geworden, noch immer fett aber weniger als im letzten Monat. Fütterst du deine Katze?
Leben wir nicht von Luft und Liebe?
Das hat deine Mutter immer gesagt, nicht?
Maria nickt. Nickt und nickt, als würde sie damit nichts sagen. Als würde sie stumm mit sich reden und mich vergessen. Und vielleicht geschieht genau das in diesem Moment. Ich nehme die leeren Flaschen, nicke der Katze zu und gehe.
Das ist Maria.

b.a. 2010

IsI am 24. Juli 2010 um 8:50

das leben rennt auf klaviertasten
durch deinen kopf die finger
hektisch auf einen plastiktisch
geschlagen: nun ist genug und
die gedanken beginnen zu tanzen
sich zu drehen zu wirbeln
bis du atemlos mit ausgestreckten armen
im seminarraum sitzt, kleinlaut:
entschuldigung ich
lebte wohl versehentlich.

ostsee.urlaub

IsI am 24. Juli 2010 um 8:49

stell dir vor
du säßest vor einem reihenhaus
mit meerblick jeden samstag
folgst du mit dem blick
dem kommen und gehen
nickst kaum merklich
den neuen zu // und liest
heimlich die alten hauskritiken:

hallo!
wir waren drei wochen hier
das wetter war mies aber
das kann man nicht ändern.

stell dir vor das
wäre dein leben.

autobahn, schäfchen

IsI am 18. Juli 2010 um 1:13

ich frage mich wo
die autobahn hinter
dem windkraftrad
deutschland bedeutet mehr
oder weniger als die flagge
am haus gegenüber: sonntagmorgen
übt noch jemand auf der orgel:
schäfchen steht auf,
in einer stunde
beginnt der gottesdienst