Maria. Eine Begegnung im Dorf.

Maria nippt an ihrem warmen Bier.
Du kommst selten, sagte sie.
Ich warte, aber du rufst nicht an, du klopfst nicht an,
du stehst irgendwann vor meiner Tür. Und du weißt, dass ich dich nicht stehen lasse. Und dann bringst du warmes Bier mit.

Ich wiege den Kopf. Zwanzig Kilometer liegen zwischen unseren Städten. Ich bin mit dem Fahrrad gefahren. Das Bier ist …

Es zischt, der Schaum läuft durch die kleine Öffnung am Bierdeckel, läuft über Marias Hände und tropft auf ihren Rock.

Du denkst nicht mit, oder? Du glaubst, dass sich die Welt nur um dich drehe?

Maria hat angefangen zu malen. Sie malt bunte Blumen auf rote Wände, erzählt vom Kreislauf des Lebens, das ich, der alte Misanthrop, nicht verstehen könne.

Sie hat recht, ich verstehe Maria nicht. Das weiß sie und lädt mich trotzdem zu sich ein. Ich bin gern dort. Ihr Garten ist schön und ihre rotgetiegerte Katze, die mir um die Beine streicht. Ich erinnere mich nicht mehr,
wann Maria aufgehört hat, zu arbeiten. Seitdem bleibt sie in ihrem Dorf, bei ihrer Katze. Die Nachbarn besorgen ihre Einkäufe in der Stadt. Manchmal geht Maria in den Wald, ihren Rundweg. Jeder im Dorf kennt ihren Rundweg.

Dann bringt sie Pilze mit, aber seit Maria allein auf dem Dorf wohnt, wird sie vergesslicher. Im letzten Sommer hat sie Fliegenpilze gesammelt, gebraten und ein großes Essen veranstaltet. Ein Nachbar lag eine Woche im Krankenhaus.
Dabei isst Maria selbst nie Pilze. Aber seitdem essen auch die Nachbarn nicht mehr bei Maria.

Einmal im Monat kommt ihr Enkel. Sie gibt ihm ihre Briefe, er sagt, Maria, du musst hier weg, du musst in die Stadt, wo wir uns besser um dich kümmern können.

Dann spuckt ihm Maria ins Gesicht, ich gehe hier nicht weg, antwortet sie. Dann schweigt er und fährt heim.

Ich mag Maria. Sie muss eine wunderschöne Frau gewesen sein, denke ich und hole mein Bier aus dem Fahrradkorb. Maria, frage ich, bist du schön gewesen, hast du getanzt, als du jung warst?

Maria sitzt auf ihrem Balkon, ihre Katze blickt einem Vogel nach. Sie ist zu fett und zu faul, um sich ernsthaft zu bemühen. Maria schaut sie an, wir alle werden älter, sagt sie. Warum bist du hier?

Eine Schwalbe nistet über Marias Dachfenster, den Kot wischt ihr Enkel weg, wenn Maria ihn noch nicht bespukt hat. Ich wiege den Kopf. Die Sonne geht unter, ich habe nichts geschafft, heute nicht, in der letzten Woche nicht.
Maria, ich muss mich ausruhen, sage ich. Ich finde die einfachsten Worte nicht mehr, sie nicht, wir nicht. Ich will nicht lügen, mir entfällt nur die Wahrheit. Der Himmel sieht schön aus, heute. Vielleicht bist du hier, weil mein Himmel
anders ist, als der der anderen, sagt Maria. Die Flecken auf ihrem Rock beginnen zu trocknen. Maria fragt mich, ob ich Pilze möge. Ich verneine.
Du lügst.
Und du vergiftest deine Gäste.
Das haben sie verdient. Maria! Kennst du den alten, der im letzten Jahr im Krankenhaus war? Der hat seinen Betrieb krachen gehen lassen, hat die Leute um ihr letztes bisschen Anstand gebracht und lebt jetzt auf deine Kosten!
Meine Kosten? Maria, ich verdiene nichts.
Eben, sagt sie. Du verdienst nichts, weil er es dir wegnimmt.
Die Welt ist schlecht, sage ich und hoffe, dass sie meine Ironie versteht.
Maria geht darüber hinweg. Weißt du, du nimmst mich genau so wenig ernst wie die anderen hier, dann trinkt sie den letzten Schluck und stellt die leere Flasche vor sich auf den Tisch. Ein Holztisch, zerkratzt, vom Schwalbenkot geschwärzt. Ich gebe ihr mein Bier. Sie nickt kurz. Warum machst du das? Warum verdienst du nicht einfach dein Geld wie alle anderen?
Ich stecke die Hände in die Hosentaschen. Das geht dich nichts an, will ich sagen, aber es geht sie etwas an, mehr als die anderen. Es war nicht besser, als es anders war, sage ich.
Ich hatte fette Schecks und keine Hoffnung. Ich verschenkte meine Zeit und bekam Ablassbriefe dafür.
So ist das Leben.
Ungerecht.

Maria, darf ich mir von deinem Obst etwas nehmen?
Friss die Schokolade, Jungchen.
Maria, hör auf!

Sonntagabend, die Sonne ist untergegangen. Maria drückt mir die Hand zum Abschied und lässt sie lange nicht mehr los. Wenn du nur öfter kommen würdest …

Ihre Katze liegt im Korb und fixiert mich. Sie ist dünner geworden, noch immer fett aber weniger als im letzten Monat. Fütterst du deine Katze?
Leben wir nicht von Luft und Liebe?
Das hat deine Mutter immer gesagt, nicht?
Maria nickt. Nickt und nickt, als würde sie damit nichts sagen. Als würde sie stumm mit sich reden und mich vergessen. Und vielleicht geschieht genau das in diesem Moment. Ich nehme die leeren Flaschen, nicke der Katze zu und gehe.
Das ist Maria.

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